Amoklauf, was verbirgt sich dahinter?

Gibt es einen Grund sich mit dem Thema Amok auseinander zu setzen. Ich denke ja. Nicht zuletzt das rege öffentliche Interesse bestätigt dies.

Nun lassen Sie mich zunächst einige Worte zur Begriffsbestimmung verlieren. Abgeleitet vom ganz konkreten Arbeitsgegenstand habe ich verschiedene Definitionsansätze in der Literatur gefunden.

Amok (malaiisch: meng-âmok, in blinder Wut angreifen und töten) ist eine psychische Extremsituation, die durch Unzurechnungsfähigkeit und absolute Gewaltbereitschaft gekennzeichnet ist.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) versteht unter Amok

"eine willkürliche, anscheinend nicht provozierte Episode mörderischen oder erheblich (fremd-)zerstörerischen Verhaltens. Danach Amnesie (Erinnerungslosigkeit) und/oder Erschöpfung. Häufig auch der Umschlag in selbstzerstörerisches Verhalten, d.h. Verwundung oder Verstümmelung bis zum Suizid (Selbsttötung)".

Auch aus polizeilicher Sicht ist Amok definiert worden. Nach dem "Amoklauf" in Erfurt beauftragte der Arbeitskreis II (AK II den Unterausschuss FEK (AK II - Innere Sicherheit (u. a. Gefahrenabwehr, Bekämpfung des Terrorismus, Angelegenheit der Polizei) mit dem Thema Amoklagen aus sicherheitspolitischer Sicht.

Eine vorläufige Definition lautet:

Ein oder mehrere Täter schaffen eine akute Bedrohungslage mittels

  • Waffen, Sprengstoff, gefährlichen Werkzeugen oder körperlicher Gewalt,
  • die scheinbar ziellos oder systematisch eingesetzt werden,
  • dabei wurden bereits eine oder mehrere Personen verletzt oder getötet bzw. wurde dies versucht,
  • es besteht eine fortgesetzte Verletzungs- oder Tötungsabsicht und
  • es könnte noch auf weitere Personen eingewirkt werden
Anhand der dargestellten Begriffsbestimmungen wird die Situation deutlich. Das Verständnis des Begriffes Amok ist vom Blickwinkel des jeweiligen Betrachters abhängig. Die grundsätzliche Gemeinsamkeit liegt in der Anwendung von Gewalt durch einen oder mehrere Täter. Wie sieht es bei dem Familienvater aus, der zunächst seine Kinder und seine Ehefrau tötet, um sich im Anschluss selbst zu richten? Es handelt sich eindeutig um einen erweiterten Suizid. Ist zur Bestimmung das Tatmittel relevant? Macht es einen Unterschied, ob er seine Familie erwürgt (körperliche Gewalt), erstochen oder erschossen (gefährliche Werkzeuge oder Waffen) oder ob er sie vergiftet hat? Wann wird aus ihm ein "Amokläufer". Muss er planvoll  oder spontan aus der Situation herausgehandelt haben?
Ist dieser Familienvater nun mit dem Jugendlichen oder Heranwachsenden vergleichbar, der sich nach jahrelanger Erfolglosigkeit und Hänselei an seiner Schule rächen will und für sich nur den Ausweg sieht, Mitschüler, Lehrer und anschließend sich selbst zu töten. Kann man aus präventiver Sicht diese beiden Täter gleichsetzen? Ich denke nein.

Wie ist das Verhältnis zwischen Amok und Massenmord? Gibt es Unterschiede oder gar eine Schnittmenge?

Zum Massenmord gibt es eine Begriffsbestimmung durch das National Center for the Analysis of Violent Crime der amerikanischen Bundespolizei (FBI).

Taten werden nach drei Klassen unterschieden, die auch als Amok bezeichnet werden können.

Prototyp des sogenannten klassischen Massenmörders ist ein psychisch auffälliger Mann, welcher seine Probleme nicht mehr bewältigen kann und seine aufgestaute Feindseligkeit mit bewaffneten Angriffen gegenüber Personen, die nichts direkt mit seiner Krise zu tun haben, auslebt.

Der Familien- Massenmörder tötet bis zu vier seiner Familienmitglieder ist die Zahl seiner Opfer höher und bringt er sich im Anschluss an die Tat selbst um, spricht das FBI dagegen von einem Massenmord mit Suizid.

Als dritte und letzte Gruppe nennt das FBI den "Spree Killer". Die Unterscheidung zu den anderen Kategorien liegt hier einzig darin, dass mehr als ein Tatort vorhanden ist. Es erscheint nicht un mittelbar einsichtig, weshalb dieser Faktor konstitutiv für eine neue Klasse sein sollte, auch ist es nicht immer unproblematisch zu bestimmen, wann man räumlich von einem oder von mehreren Tatorten sprechen soll.

Aber es gibt auch Definitionsversuche im deutschsprachigen Raum, so von Dr. Jens Hoffmann. Er ist Diplom-Psychologe und einer der beiden Leiter des Instituts für Psychologie & Sicherheit.

Sein Vorschlag für eine Defintion lautet wie folgt:

"Die intentionale und nach außen hin überraschende Tötung und/oder Verletzung mehrerer Personen bei einem Tatereignis ohne Abkühlungsperiode, wobei einzelne Tatsequenzen im öffentlichen Raum stattfinden"

Mit diesem Ansatz gelingt es Dr. Jens Hoffman, den innerfamiliären Konflikt auszuschließen, da er den öffentlichen Raum als wesentliches Kriterium in die Definition einfließen lässt.

Ich glaube deutlich gemacht zu haben, dass es hinsichtlich einer klaren Defintion noch deutlicher Gespräche bedarf. Insbesondere vor dem Hintergrund der Prävention ist eine frühzeitige Erkennung potentieller Täter erforderlich. Und hierzu ist eine klare Defintion erforderlich, die  nicht nur auf die Lagelösung oder die medizinische Behandlung des Täters ausgerichtet ist.

Gleiches gilt für die Früherkennung von Amoktätern. Lesen Sie hierzu die folgenden Veröffentlichungen der Berliner Morgenpost und von Spiegel-online.


 
Psychologe: Ein Amoklauf ist kein Zufall
"Darmstädter Wissenschaftler wertete Daten aus den USA aus und fand Parallelen zu deutschen Fällen"
Aus der Berliner Morgenpost vom 17. Januar 2007







AMOKLÄUFE AN SCHULEN

"Emsdetten war vorhersehbar"
Gewalttaten an Schulen sind vorhersehbar, behaupten Forscher der TU Darmstadt und arbeiten an einem Frühwarnsystem. Auch Sebastian B. gab viele Hinweise auf seinen schrecklichen Plan. Psychologe Jens Hoffmann erklärt im Interview, wie Amokläufe verhindert werden können.

Spiegel-online.de vom 22. November 2006