Ursachen

Amokläufe an Schulen - sogenannte school shootings - sind kein Zufall, sondern können vorhergesehen werden. Das glaubt zumindest der Psychologe Jens Hoffmann. Die entscheidende Frage: Was ist die Motivation jugendlicher Gewalttäter? Schauen Sie sich hierzu diesen Beitrag an.

Welche Rolle spielt die Schule? Lesen Sie ein Interview mit dem Kriminalpsychologen Adolf Gallwitz,

"Schule kann die Hölle sein!"

Informationen zum Mobbing an Schulen, dem sogenannten "Bullying" lesen Sie mehr auf folgenden Seiten:

Wikipedia

Auf Memoria Discordia finden Sie interessante Informationen zu Amokläufen an Schulen und Hintergründen dazu.

Littleton (Colorado) – Columbine Highschool – 20. April 1999

Bad Reichehall (Bayern) – 01. November 1999

Erfurt – Gutenberggymnasium – 26. April 2002


Hier ein Auszug aus einem Artikel der Zeitschrift Gehirn&Geist, Juni 2007

"Todbringende Fantasien
Die Zahl der »School Shootings« hat in den vergangenen zehn Jahren dramatisch zugenommen. Gewaltforscher suchen nach Wegen, wie sie in Zukunft verhindert werden können.
 
Hillsborough, New Carolina, im August 2006. Mit aufgerissenen Augen starrt Alvaro C. in die Videokamera und spuckt die Worte geradezu hinein: »Vielleicht bin ich ein Irrer oder ein Monster, aber ich habe versucht das Richtige zu tun! Ich habe es versucht, wirklich!« Kurz zuvor hat der 19-Jährige seinen Vater umgebracht. Am Ende des Videos deutet Alvaro C. an, auch an seiner ehemaligen Schule ein Massaker anrichten zu wollen. Er schickt das Band an die lokale Tages­zeitung. An den Schuldirektor der Colum­bine High School in Colorado schreibt er eine E-Mail, in der er den geplanten Amoklauf ebenfalls ankündigt. Vor dem Schulgebäude feuert er ungezielt acht Schüsse ab, zwei Menschen werden verwundet. Als die Polizei eintrifft, lässt sich Alvaro C. bereitwillig festnehmen …" Lesen Sie den vollständigen Artikel.

Das Täterprofil

Wenn wieder Experten aufstehen und uns darüber unterrichten, dass gerade die ruhigen und zurückhaltenden, die unauffälligen und freundlichen Menschen potentielle Amokläufer seien, hinterlässt dieser Steckbrief ein ungutes Gefühl. Was soll man schließlich seiner Kenntnis entnehmen? Traue keinem, der sich nicht wie ein Monstrum aufführt? Halte dich von Personen fern, die nichts Bedrohliches an sich haben?

Über das Täterprofil wird wild spekuliert an diesem Tag danach. Und tatsächlich gibt die Liste der bekannten Schul-Amokläufe des zurückliegenden Jahrzehnts einiges her, um sich den Stereotypen im Hintergrund zu nähern. Vom Jonesboro-Anschlag des Jahres 1998 zum Columbine-Massaker an der Schule von Littleton in Colorado im Jahr 1999 führt ein Schema zum Blutbad am Erfurter Gutenberg-Gymnasium des 26. April 2002 und weit darüber hinaus. Es ist das Schema einer selbst definierten Gerechtigkeit und der Inszenierung einer höherwertigen Eigenjustiz.

Alle Täter waren junge Männer, die einen Vorwurf an die sie umgebende Gesellschaft richteten: den der ungerechten Behandlung ihrer Person. Alle Täter wählten schwere Waffen, mit denen sie imstande waren, eine große Zahl anwesender Menschen zu töten, die einem ähnlichen sozialen Umfeld entstammten wie sie selbst. Und immer ritualisierten die Täter den Akt des Tötens durch ihr Auftreten und durch ihr Erscheinungsbild.

Tim K. trug schwarze Kleidung und eine ebenfalls schwarze Gesichtsmaske, als er vor die Schüler der Albertville-Realschule trat. Der finstere Waffenträger war nicht mehr der siebzehn Jahre alte Azubi aus Weiler zum Stein, sondern ein anonymer Vollstrecker einer höheren Gerechtigkeit, die ein grausames Vorgehen gegen eine Masse Unwissender zwingend erforderlich machte, weil sonst latentes Unrecht fortbestanden hätte. In dieser Logik wird die Schusswaffe zum Richtschwert des Rächers in eigener Sache. Die dunkle Maskerade verleiht der unfassbaren Handlung einen offiziellen Charakter der sie vom Verbrechen scheidet. Ein Gestus, den sich Täter vom Schlage eines Tim K. der Gesellschaft abgeguckt haben, in der wir alle leben.

Nicht bloß die Helden von Counter Strike tragen martialische Monturen, wenn sie zur Waffe greifen. Den Rächer in eine spezielle Garderobe zu stecken, die seinem Tun den Anstrich des Legitimierten gibt, ist ein alter Kunstgriff unterschiedlichster Überlieferungen. Superman, Batman und Spiderman wissen sich speziell zu kleiden, wenn sie sich als anonyme Vollstrecker des wahren Rechts in den Krieg gegen das Verbrechen begeben. Zorro trug Hut und Mantel und Maske, wenn er als Robin Hood des Wilden Westens auftrat, der wiederum in Grün der durch den Sherwood Forest streifte. Die überzeugenderen Belege liefert aber das wirkliche Leben. Staaten kleiden Polizisten und Soldaten in Uniformen, die sie als Ausweis ihrer Befugnis tragen, in bestimmten Situationen töten zu dürfen. Richter ercheinen in schwarzen oder roten Talaren, wenn sie ihr Urteil über die Zukunft von Straftätern verkünden - ein Urteil, das in der Geschichte auch immer wieder ein Todesurteil sein konnte. Wurde es vollstreckt, trug der Henker bei dieser Gelegenheit Gewand und Kapuze, die ihn nicht durch sein Alltagsleben begleiteten. Noch heute erscheinen die Vollstrecker der Todesstrafe in jenen Nationen, die sie noch kennen, einen dunklen Anzug oder die Uniform eines Polizei- oder Militärapparats. Die Geistlichen fast aller Religionen erscheinen in liturgischen Gewändern, wenn sie zu ihren Gläubigen über das Leben und den Tod sprechen, und sie diese Gewänder auch dann, wenn sie Sterbende in ihrer letzten Stunde begleiten.

Charakteristisch für die jungen Männer vom Schlage eines Tim K.,  ist auch zum Zeitpunkt ihrer Tat, dass sie sich so verhalten, wie es ihnen die Gesellschaft vorlebt: Sie gehen dem Anlass entsprechend gekleidet ans Werk. Wie es sich ja auch gehört, “anständig” gekleidet zu einer Hochzeit zu erscheinen. Oder zu einer Beerdigung. Die Täter fallen auch im entscheidenden Augenblick nur dadurch auf, dass sie die Grausamkeit der Gesellschaft in ihrem Sinne überzeichnen. Selbst entwickelt haben sie sie aber nicht. Sie ist nur abgekupfert.
Das Problem der Normalität

Das aber ist das eigentlich Schlimme an Ereignissen wie dem von Winnenden. Ob Tim K. nun depressiv gewesen sein mag oder nicht, ob er ungesunde Allmachtsfantasien in sich trug oder einen unentdeckten Minderwertigkeitskomplex: Irgendwann war eine Idee in ihm herangereift, die ihn zum Handeln drängte. Dann warf er das gesamte Repertoire seines gesellschaftlichen Erfahrungsschatzes in einen großen Topf und rührte einmal kräftig um.

Was dann herauskam aus Zutaten wie seiner Wahrnehmung der Gerechtigkeit, den Machtritualen des Staates wie er ihn kannte, den klischeehaften Rächerhelden der Spiele- und Film-Ästhetik wie er sie konsumierte und aus den rästselhaften Defiziten seiner eigenen Persönlichkeit - all das führte vielleicht zu jener Tat vom 11. März 2009. Oder auch nicht. Es werden sich schon noch Experten finden, die all das viel genauer analysieren und viel überzeugender erklären können.

Nur eines wird den Experten nicht gelingen: Sie werden das nächste Littleton, das nächste Erfurt und das nächste Winnenden nicht verhindern können. Ereignisse wie die von Winnenden entstehen aus dem Inneren unserer Gesellschaft, und wenn sie eines Tages geschehen, erscheinen sie jedes Mal wie eine unerwaretete Störung unserer vermeintlichen Normalität. Das Problem ist nur: Sie sind unsere Normalität.