Ursachen
Amokläufe an Schulen - sogenannte school shootings - sind kein Zufall, sondern können vorhergesehen werden. Das glaubt zumindest der Psychologe Jens Hoffmann. Die entscheidende Frage: Was ist die Motivation jugendlicher Gewalttäter? Schauen Sie sich hierzu diesen Beitrag an.
Welche Rolle spielt die Schule? Lesen Sie ein Interview mit dem Kriminalpsychologen Adolf Gallwitz,
Informationen zum Mobbing an Schulen, dem sogenannten "Bullying" lesen Sie mehr auf folgenden Seiten:
Auf Memoria Discordia finden Sie interessante Informationen zu Amokläufen an Schulen und Hintergründen dazu.
Littleton (Colorado) – Columbine Highschool – 20. April 1999
Bad Reichehall (Bayern) – 01. November 1999
Erfurt – Gutenberggymnasium – 26. April 2002
Hier ein Auszug aus einem Artikel der Zeitschrift Gehirn&Geist, Juni 2007
"Todbringende Fantasien
Das Täterprofil
Wenn wieder Experten aufstehen und uns darüber unterrichten, dass
gerade die ruhigen und zurückhaltenden, die unauffälligen und
freundlichen Menschen potentielle Amokläufer seien,
hinterlässt dieser Steckbrief ein ungutes Gefühl. Was soll
man schließlich seiner Kenntnis entnehmen? Traue keinem, der sich
nicht wie ein Monstrum aufführt? Halte dich von Personen fern, die
nichts Bedrohliches an sich haben?
Über das Täterprofil wird wild spekuliert an diesem Tag
danach. Und tatsächlich gibt die Liste der bekannten
Schul-Amokläufe des zurückliegenden Jahrzehnts einiges her,
um sich den Stereotypen im Hintergrund zu nähern. Vom
Jonesboro-Anschlag des Jahres 1998 zum Columbine-Massaker an der Schule
von Littleton in Colorado im Jahr 1999 führt ein Schema zum
Blutbad am Erfurter Gutenberg-Gymnasium des 26. April 2002 und weit
darüber hinaus. Es ist das Schema einer selbst definierten
Gerechtigkeit und der Inszenierung einer höherwertigen Eigenjustiz.
Alle Täter waren junge Männer, die einen Vorwurf an die sie
umgebende Gesellschaft richteten: den der ungerechten Behandlung ihrer
Person. Alle Täter wählten schwere Waffen, mit denen sie
imstande waren, eine große Zahl anwesender Menschen zu
töten, die einem ähnlichen sozialen Umfeld entstammten wie
sie selbst. Und immer ritualisierten die Täter den Akt des
Tötens durch ihr Auftreten und durch ihr Erscheinungsbild.
Tim K. trug schwarze Kleidung und eine ebenfalls schwarze
Gesichtsmaske, als er vor die Schüler der Albertville-Realschule
trat. Der finstere Waffenträger war nicht mehr der siebzehn Jahre
alte Azubi aus Weiler zum Stein, sondern ein anonymer Vollstrecker
einer höheren Gerechtigkeit, die ein grausames Vorgehen gegen eine
Masse Unwissender zwingend erforderlich machte, weil sonst latentes
Unrecht fortbestanden hätte. In dieser Logik wird die Schusswaffe
zum Richtschwert des Rächers in eigener Sache. Die dunkle
Maskerade verleiht der unfassbaren Handlung einen offiziellen Charakter
der sie vom Verbrechen scheidet. Ein Gestus, den sich Täter vom
Schlage eines Tim K. der Gesellschaft abgeguckt haben, in der wir alle
leben.
Nicht bloß die Helden von Counter Strike tragen martialische
Monturen, wenn sie zur Waffe greifen. Den Rächer in eine spezielle
Garderobe zu stecken, die seinem Tun den Anstrich des Legitimierten
gibt, ist ein alter Kunstgriff unterschiedlichster
Überlieferungen. Superman, Batman und Spiderman wissen sich
speziell zu kleiden, wenn sie sich als anonyme Vollstrecker des wahren
Rechts in den Krieg gegen das Verbrechen begeben. Zorro trug Hut und
Mantel und Maske, wenn er als Robin Hood des Wilden Westens auftrat,
der wiederum in Grün der durch den Sherwood Forest streifte. Die
überzeugenderen Belege liefert aber das wirkliche Leben. Staaten
kleiden Polizisten und Soldaten in Uniformen, die sie als Ausweis ihrer
Befugnis tragen, in bestimmten Situationen töten zu dürfen.
Richter ercheinen in schwarzen oder roten Talaren, wenn sie ihr Urteil
über die Zukunft von Straftätern verkünden - ein Urteil,
das in der Geschichte auch immer wieder ein Todesurteil sein konnte.
Wurde es vollstreckt, trug der Henker bei dieser Gelegenheit Gewand und
Kapuze, die ihn nicht durch sein Alltagsleben begleiteten. Noch heute
erscheinen die Vollstrecker der Todesstrafe in jenen Nationen, die sie
noch kennen, einen dunklen Anzug oder die Uniform eines Polizei- oder
Militärapparats. Die Geistlichen fast aller Religionen erscheinen
in liturgischen Gewändern, wenn sie zu ihren Gläubigen
über das Leben und den Tod sprechen, und sie diese Gewänder
auch dann, wenn sie Sterbende in ihrer letzten Stunde begleiten.
Charakteristisch für die jungen Männer vom Schlage eines Tim
K., ist auch zum Zeitpunkt ihrer Tat, dass sie sich so verhalten,
wie es ihnen die Gesellschaft vorlebt: Sie gehen dem Anlass
entsprechend gekleidet ans Werk. Wie es sich ja auch gehört,
“anständig” gekleidet zu einer Hochzeit zu erscheinen.
Oder zu einer Beerdigung. Die Täter fallen auch im entscheidenden
Augenblick nur dadurch auf, dass sie die Grausamkeit der Gesellschaft
in ihrem Sinne überzeichnen. Selbst entwickelt haben sie sie aber
nicht. Sie ist nur abgekupfert.
Das Problem der Normalität
Das aber ist das eigentlich Schlimme an Ereignissen wie dem von
Winnenden. Ob Tim K. nun depressiv gewesen sein mag oder nicht, ob er
ungesunde Allmachtsfantasien in sich trug oder einen unentdeckten
Minderwertigkeitskomplex: Irgendwann war eine Idee in ihm herangereift,
die ihn zum Handeln drängte. Dann warf er das gesamte Repertoire
seines gesellschaftlichen Erfahrungsschatzes in einen großen Topf
und rührte einmal kräftig um.
Was dann herauskam aus Zutaten wie seiner Wahrnehmung der
Gerechtigkeit, den Machtritualen des Staates wie er ihn kannte, den
klischeehaften Rächerhelden der Spiele- und Film-Ästhetik wie
er sie konsumierte und aus den rästselhaften Defiziten seiner
eigenen Persönlichkeit - all das führte vielleicht zu jener
Tat vom 11. März 2009. Oder auch nicht. Es werden sich schon noch
Experten finden, die all das viel genauer analysieren und viel
überzeugender erklären können.
Nur eines wird den Experten nicht gelingen: Sie werden das nächste
Littleton, das nächste Erfurt und das nächste Winnenden nicht
verhindern können. Ereignisse wie die von Winnenden entstehen aus
dem Inneren unserer Gesellschaft, und wenn sie eines Tages geschehen,
erscheinen sie jedes Mal wie eine unerwaretete Störung unserer
vermeintlichen Normalität. Das Problem ist nur: Sie sind unsere
Normalität.