Die Täter
Der Begriff Amok kommt aus dem Malaiischen und bedeutet soviel wie
wütend oder rasend. Man bezeichnet damit eine psychische
Ausnahmesituation, die u.a. von blindwütiger Aggression
gekennzeichnet ist.
Die Weltgesundheitsorganisation WHO definiert Amok als «willkürliche, anscheinend nicht provozierte Episode mörderischen oder erheblichen (fremd)zerstörerischen Verhaltens».
Kennzeichnend für eine als Amok definierte
Gewalttat ist
die Gefährdung mehrerer Menschen, die verletzt oder sogar
getötet werden.
Wissenschaftler wurden zuerst in Südostasien
auf
Fälle von plötzlich auftretenden psychischen
Störungen
mit aggressivem Aktionsdrang aufmerksam, die sie als Amoklauf
bezeichneten. Die Befallenen zogen unvermittelt den Dolch und stachen
im Laufen auf andere ein, bis sie selbst zusammenbrachen. Im
Malaiischen wird das Wort Amok auch benutzt, um einen Zustand der
äußersten Demütigung und somit des
Gesichtsverlusts zu
kennzeichnen, der zur Wahnsinnstat treiben kann.
Als Auslöser eines Amoklaufs gelten eine
fortgeschrittene
psychosoziale Entwurzelung des Täters, der Verlust beruflicher
Integration durch Arbeitslosigkeit, Rückstufung oder
Versetzung,
zunehmend erfahrene Kränkungen sowie Partnerschaftskonflikte.
Oft
baut sich ein Amoklauf über längere Zeit auf und
entlädt
sich nach einem Wutanfall mit Tötungen ohne ersichtliches
Motiv.
"Blindwütige
Raserei"
In der westlichen Kultur sind vor allem Amokläufe in Form von
„school shootings“ bekannt, etwa 1999 an der Columbine-Highschool
in den USA oder 2002 am Gutenberg-Gymnasium in Erfurt.
Diese Art von Amok ist nach Ansicht von Psychiatern
allerdings
selten als "blindwütige Raserei" angelegt, die sich schnell
und
impulsiv aus einer entsprechenden Situation heraus aufbaut. Fast alle
Täter hatten sich zuvor bereits gedanklich mit der
bevorstehenden
Gewalttat beschäftigt und diese oft auch geplant.
Zudem wurden teilweise Opfer bewusst ausgewählt und regelrecht
hingerichtet, oder es existierten sogar "Todeslisten".
Der Schul-Amok ist somit offenbar zu einer besonderen Form des Amoklaufs geworden, bei der sich jugendliche Täter ausgegrenzt fühlen und sich an einer abweisenden Welt durch ein blutiges Finale rächen, in dem sie dann selbst untergehen.
Erst im letzten November hatte der 18-jährige Pekka-Eric
Auvinen an seiner Schule in Südfinnland acht
Menschen und anschließend sich selbst getötet. Davor
hatte er ein Video mit dem Titel
„Jokela High School Massacre“ bei YouTube
hochgeladen.
Oder Blacksburg im April 2007. Cho Seung-Hui
tötete zwei Menschen, marschierte seelenruhig zum
Campus-Postamt
und schickte ein Paket mit Fotos, einem Video und seinen letzten Worten
an einen TV-Sender. Danach brachte er in der Noris Hall der Virginia
Tech Universität 30 weitere Menschen um. Seine letzte
Postsendung
enthielt 27 Videoclips, viele davon mit Hass und Flüchen
gespickt.
Auf einem der Bänder setzt sich Cho in eine Reihe mit Eric
Harris
und Dylan Klebold, die in der Columbine High School kaltblütig
mordeten.
„Amokläufer werden meist von einem Drang zur Selbstdarstellung und totaler Anklage gegen ihre Außenwelt getrieben“, erklärt der Kriminalpsychologe Rudolf Egg im Gespräch mit FOCUS Online. Als Direktor der kriminologischen Zentralstelle in Wiesbaden hat er sich intensiv mit der Psyche von Straftätern jeglicher Couleur auseinandergesetzt.
„Durch die mediale Selbstinszenierung wollen die Täter ein Werk schaffen, das ihr aussichtslos gewordenes Leben selbst überdauert. Eine allerletzte Hoffnung, dass nicht alles sinnlos war.“
Dass andere Massaker oder Gewaltbotschaften im Internet
die
Amokläufer direkt zu ihren Taten anstiften, glaubt
Kriminalpsychologe Egg nicht. „Natürlich gibt es
Nachahmereffekte.“ Anfällig seien aber nur Leute,
die der
wahnhaften Vorstellung verfallen sind, dass sie sich mit ihrer Umwelt
in einem Kampf auf Leben und Tod befinden. „Der
Schlüssel
muss ins Schloss passen.“
Auch Sebastian
Bosse alias resistant X wollte
sein Nachwirken nicht dem Zufall überlassen. Er
kümmerte sich
akribisch um die Drehbücher seines
„Rachefeldzugs“,
bevor im November 2006 in der Geschwister-Scholl-Realschule in
Emsdetten um sich schoss. Die Dokumente übergab er am Vorabend
der
Tat einem Freund. Das letzte Warnsignal versandte Bosse erst in der
Nacht vor dem Amoklauf. Er scannte sein Tagebuch
ein und schickte es per E-Mail um 1.50 Uhr an Freunde. Es enthielt
detailgenaue Ankündigungen der Tat und schloss mit einem
knappen
Eintrag: „That´s it!“
Amokläufe an Schulen haben nach Expertenmeinung meist sehr ähnliche Vorgeschichten und könnten daher in vielen Fällen verhindert werden. Die schrecklichen Taten stehen am Ende eines von Warnsignalen begleiteten Weges.